| 06.05.2004
Trotz roter Karte im Wuppergebiet nicht schwarz sehen
Wupperverband plädiert für maßvolle Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie
Am 6. Mai kamen in der Wuppertaler Stadthalle zahlreiche Vertreter von Kommunen, des NRW-Umweltministeriums, der Behörden, Stadtwerke und Entsorgungsbetriebe, Wasserverbände, Industrie, Landwirtschaft, Fischerei und Naturschutzverbände zum 7. Symposium “Flussgebietsmanagement” des Wupperverbandes zusammen. Wie schon in den Vorjahren, bildete auch in diesem Jahr die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) den Schwerpunkt dieses regionalen Wasserwirtschaftsforums. Die WRRL trat im Dezember 2000 in Kraft und hat weit reichende Auswirkungen auf die Wasserwirtschaft in ganz Europa. Das Ziel der Richtlinie ist, bis 2015 europaweit einen “guten Zustand” aller Oberflächengewässer und des Grundwassers zu erreichen. Dabei verfolgt die WRRL gegenüber der früheren Bewertung von Gewässern einen neuen, weiter reichenden Bewertungsansatz. Hatte man bisher schwerpunktmäßig die Sauberkeit des fließenden Wassers betrachtet, wird zukünftig der Zustand des gesamten Gewässers beurteilt. Das heißt, die Bewertung umfasst nunmehr den Bestand an Fischen, Pflanzen, Kleinstlebewesen und Plankton, die Beschaffenheit von Gewässersohle und Ufer, die Durchgängigkeit für Wanderfische sowie chemische und physikalische Parameter.
Bewirtschaftungsplanung ist Staatsaufgabe - Bestandserfassung für NRW abgeschlossen
Die Bewirtschaftungsplanung sowie die Umsetzung der Ziele und Inhalte der in landesrechtliche Regelungen umgesetzten WRRL obliegt dem Staat, den Wasserbehörden. Die Umsetzung der WRRL erfolgt in verschiedenen Phasen mit jeweils festgelegten Fristen. In Nordrhein-Westfalen wurde die Phase der Bestandserfassung abgeschlossen. Der Bericht des Landes NRW, der vom Staatlichen Umweltamt Düsseldorf erarbeitet wurde, liegt vor. Die Ergebnisse der Bestandserfassung in NRW wurden zunächst den Fachleuten vorgestellt. Ab dem 17. Mai stehen sie der breiten Öffentlichkeit auf der Internetseite www.wupper.nrw.de zur Verfügung.
“Rote Karte” für die untersuchten Gewässer im Wuppergebiet
Die Bestandserfassung wurde für die Gewässer im Wuppergebiet durchgeführt, deren Einzugsgebiet größer als 10 Quadratkilometer ist: Wupper, Dhünn, Eifgenbach, Mutzbach, Scherfbach, Kleine Dhünn, Wiembach, Murbach, Weltersbach, Sengbach, Eschbach, Morsbach, Leyerbach, Gelpe, Schwelme, Uelfe, Dörpe, Bever, Neye, Hönninge, Kerspe und Gaulbach. Diese Gewässer wurden mit einem idealtypischen Leitbild (Mittelgebirgsfluss bzw. Mittelgebirgsbach, der von menschlicher Nutzung völlig unbeeinflusst ist) verglichen, um so die vom Menschen verursachte Beeinflussung abschätzen zu können.
Die Gewässer wurden hinsichtlich verschiedener Parameter untersucht. Die Betrachtung der einzelnen Bewertungselemente führt zu unterschiedlichen Qualitäten und damit auch unterschiedlichen farblichen Darstellungen. Die Farbe rot steht dabei für “gefährdet”, die Farbe grün für “nicht gefährdet”. Bei der Gesamtaussage ist jedoch entscheidend, dass ein so genannter “worst case” Ansatz gewählt wurde, d. h. bei der Beurteilung eines Gewässers bzw. Gewässerabschnittes führt nur ein einzelnes rotes Bewertungselement zwischen 21 grünen Elementen auch in der Gesamtbewertung zu einer roten Farbdarstellung.
In früheren Darstellungen, die auf dem damaligen Bewertungsmaßstab nach dem sogenannten Saprobiensystem basierten, herrschte z. B. an der Wupper die Farbe grün vor, die für die Gewässergüte 2 bis 3 stand. Nach dem neuen Bewertungssystem mit dem “worst case” Ansatz breitet sich nun wieder die Farbe rot aus. Etwa 80 % der untersuchten Gewässer im Wuppereinzugsgebiet werden in der aktuellen Karte mit der Farbe rot dargestellt. Dies bedeutet, dass die rot dargestellten Gewässer bzw. Gewässerabschnitte nicht in allen untersuchten Parametern den Kriterien der WRRL entsprechen. Aus der Sicht des Wupperverbandes verleitet die Bewertung nach dem worst case Ansatz dazu, die positiv beurteilten Parameter und somit auch die bisherigen Erfolge im Gewässerschutz zu wenig zu würdigen. Die “rote Karte” der Gewässer des Wuppergebietes ist daher aus Sicht des Verbandes nicht automatisch ein Grund, “schwarz zu sehen”.
Vorhandene Nutzungen berücksichtigen – die nachhaltige Entwicklung fördern
Der Wupperverband, in dem sowohl Kommunen als auch Industrie und Wasserver- und -entsorger zusammengeschlossen sind, plädiert in Sachen WRRL für eine Umsetzung mit Augenmaß und Ausnutzung der rechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Im Einzugsgebiet der Wupper unterliegen die Gewässer einem extrem hohen Nutzungsdruck bedingt durch hohe Bevölkerungsdichte, durch die teilweise im Lauf von Jahrhunderten gewachsenen Strukturen von Handwerk, Gewerbe und Industrie, die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser, die Entsorgung von Abwasser, die Bebauung an Gewässern, den Hochwasserschutz durch Talsperren, die fischereiliche Bewirtschaftung, dem Bedürfnis der Menschen nach Freizeitgestaltung usw.
Es zeichnet sich daher schon jetzt ab, dass der gute Zustand der Gewässer bis 2015 nicht flächendeckend umgesetzt werden kann. So regelt die EU-WRRL sowohl die Möglichkeiten der Fristenverlängerung als auch der Festlegung abgesenkter Qualitätsziele bei der Gewässergüte. Für stark veränderte Wasserkörper, wie beispielsweise die Wupper im Bereich der Stadt Wuppertal, spricht die Richtlinie von der Zielerreichung eines guten ökologischen Potentials. Insbesondere das Beispiel der Dhünn, dem beim Symposium Flussgebietsmanagement eine Diskussionsrunde gewidmet war, macht die verschiedenen Nutzungsansprüche an ein Gewässer deutlich. Ein Beispiel: Der Wupperverband betreibt die Große Dhünn-Talsperre als Trinkwasserspeicher. Die Versorgung der Bevölkerung mit aufbereitetem Trinkwasser aus der Talsperre erfolgt durch die Stadtwerke der Kommunen Wuppertal, Remscheid, Solingen und die Energieversorgung Leverkusen – zusammengeschlossen in der Bergischen Trinkwasserverbund GbmH - und dem Wasserversorgungsverband Rhein-Wupper. Um unterhalb der Großen Dhünn-Talsperre einen Mindestabfluss in der Dhünn von einem Kubikmeter pro Sekunde am Pegel Manfort in Leverkusen sicherzustellen, wird kontinuierlich Talsperrenwasser an die Dhünn abgegeben. Die Speisung der unteren Dhünn mit kaltem Tiefenwasser aus dem Grundablass der Talsperre führt im Sommer zu einer unnatürlich niedrigen Wassertemperatur. Dadurch entspricht der Bestand an Äschen - eine Fischart, die sommerliche Temperaturen von mindestens 12 Grad Celsius braucht - nicht dem Fischbestand, wie er in einem vergleichbaren, vom Menschen unbeeinflussten Gewässer zu finden wäre. An diesem Beispiel wird deutlich, dass der Nutzungsanspruch “Trinkwasserversorgung” Auswirkungen auf die Dhünn hat. Es wird aber auch deutlich, dass an den Gewässern im Wuppergebiet nicht der frühere Idealzustand, wie er ohne Einflussnahme durch den Menschen vorhanden war, wieder hergestellt werden kann. Vielmehr müssen bei der Umsetzung der WRRL vorhandene Nutzungen berücksichtigt und Prioritäten gesetzt werden.
Gemeinsame Umsetzung der WRRL mit den Wasserakteuren
Ein Anliegen der Richtlinie ist es, eine möglichst breite Öffentlichkeit bei der Erstellung und Aktualisierung der Bewirtschaftungspläne einzubeziehen, bevor endgültige Entscheidungen über notwendige Maßnahmen getroffen werden können. Aus diesem Ansatz heraus soll gemeinsam mit allen Wasserakteuren im Wuppergebiet nach Lösungsmöglichkeiten für Nutzungskonflikte gesucht werden. Neben der Zusammenarbeit mit den klassischen Wasserakteuren wie z. B. den Kommunen, Kreisen, Stadtwerken, der Industrie steht für den Wupperverband auch die Einbeziehung weiterer betroffener Stellen, wie z. B. Landwirtschaft, im Vordergrund.
Die Diskussionsrunde beim Symposium Flussgebietsmanagement zur “unteren Dhünn” soll den Auftakt zu einem “runden Tisch” bilden. Betroffene und Nutzer können hier gemeinsam vorhandene Restriktionen, die Ansprüche aus ihrer jeweiligen Sicht sowie Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen und diskutieren.
Der runde Tisch “untere Dhünn” soll zukünftig auf Initiative des Wupperverbandes in regelmäßigen Abständen stattfinden. Seitens des Verbandes werden sich Fachleute aus allen Bereichen der Wasserwirtschaft an der Runde beteiligen. |
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